Freiheit und Krisis – Wir müssen radikal umdenken, auch in der Rechtstheorie!

Sonntag, 22. September, 2019 0 No tags Permalink 0

 

Lic. iur. Matthias Bertschinger[1]

Basierend auf einem Freiheitsbegriff, der das Traumatische nicht ausschliesst, lässt sich der Rechtssinn positiv als Begegnung und negativ (widerspruchstheoretisch) als ein Nein zur Abwehr des Traumatischen stellvertretend in Anderen fassen – als Nein zu Rassismus und Menschenfeindlichkeit.

Weltweit erstarken nationalistische, autoritäre, reaktionäre, faschistoide, chauvinistische und anti-aufklärerische Bewegungen, die sich alle durch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auszeichnen. Nicht oder kaum zur Sprache kommt in den herrschenden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Konfliktanalysen der psychoanalytische Sinn (die psychoanalytische Dimension) gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit oder gesellschaftlicher Ausschluss-Diskurse. Vorherrschend sind funktionalistische, soziologistische, ökonomistische, biologistisch-naturalistische, szientistische oder triebtheoretische Erklärungsmodelle.

In einer Synthese von Philosophie und Psychoanalyse werden Rassismus und Menschenfeindlichkeit hermeneutisch-anthropologisch, existenzial-psychoanalytisch – und das heisst: tiefer, tiefenpsychologisch – verstehbar: Fremden-, Schwachen- und Intellektuellenfeindlichkeit (respektive Kritikfeindlichkeit), die idealtypisch für jeden Autoritarismus sind, erweisen sich existenzial-psychoanalytisch als Angst-, Scham- und Schuldabwehr.

 

Fremden-, Schwachen- und Intellektuellenfeindlichkeit

Fremde symbolisieren eine namenlose (ontologische) Bedrohung, die im Leben selbst liegt, und Schwache ein namenloses Untergehen, welches wir selber sind. Die Abwehr dieses Traumatischen, Namenlosen, Absoluten stellvertretend in Fremden und Schwachen ist in ethischer Hinsicht die Menschenfeindlichkeit und in epistemologischer, erkenntniskritischer Hinsicht eine Selbsttäuschung (Adorno). Das bis heute noch kaum richtig Durchdachte sei, wie die Abwehr des Traumatischen mit Moral und Ethik – dem metaphysischen «Du sollst» – zusammenhängt, so Adorno vor 50 Jahren in seiner Metaphysik-Vorlesung. Um Rassismus zu verstehen, müssen wir schonungsloser werden im Denken. Eine von Freud emanzipierte, moderne, existenzial verfahrende Psychoanalyse treibt ein solches «Denken ohne Geländer» (Hannah Arendt) voran, erkennt es aber umgekehrt als ein Denken, das in der ganzen Denkgeschichte angelegt ist: Es gibt etliche «Psychoanalytiker avant la lettre» (Robert Heim) – zu denken ist an Schleiermacher, Schelling, Schopenhauer, Kierkegaard, Heidegger, Sartre aber auch Kant.

Eine Subjekt- und Erkenntniskritik, die – wie beispielsweise bei Adorno – auf hermeneutisch-anthropologische, existenzial-psychoanalytische Weise auf den Aspekt der Selbsttäuschung hinter Unrecht oder Gleichgültigkeit aufmerksam macht (Koinzidenz von Ethik und Analyse), und die folglich sowohl die Moral («Begegne!», «Exponiere Dich!», «Zeige Dich verletzlich!») als auch die intellektuelle Redlichkeit («Sei kritisch!», «Belüge Dich nicht selbst!») hochhält – eine solche Haltung oder Offenheit des Geistes und der Psyche (Koinzidenz von Sein und Sollen), die aussetzt und die man sich hauptsächlich selber schuldet, kann stellvertretend in Intellektuellen abgewehrt werden (Widerstand, Schuldabwehr), die sich mit ihrer politischen Korrektheit gegen Rassismus, Unrecht und Menschenfeindlichkeit und gegen den mit diesen verbundenen Selbstbetrug – sprich: gegen die Nicht-Selbstwahl – stellen. Intellektuelle symbolisieren den Ruf des Gewissens (Schuld), und dieser Ruf kommt nicht von im Über-Ich internalisierten Autoritäten her, sondern von der Freiheit. Selbst Freud kannte dieses andere, zweite oder ‘wahre’ Gewissen und sprach von einer leisen Stimme des Intellekts. Intellektuelle und Empathiefähige (besser: Empathiewillige) stehen für (oder erinnern an) den Ruf dieses anderen Gewissens, der zu Exposition und Begegnung anhält. Autoritarismus ist eine Verschliessung der Psyche, ein Symptom für fehlenden Mut zu Öffnung und Verletzlichkeit.

Der existenzial unabweisliche Ruf des Gewissens kommt von der Freiheit her, und «Freiheit und Transzendenz des Daseins sind identisch!» (Heidegger). Ernst Bloch spricht hinsichtlich einer so verstandener Transzendenz oder Freiheit von einem «Transzendieren ohne Transzendenz», einem «Exodus aus dem Statischen». Freiheit hat neben dem faszinierenden einen abgründigen Aspekt, sie ist fascinosum und tremendum (Rudolf Otto). Zudem weist sie zwei «Hypostasen» auf: das bereits erwähnte namenlose Untergehen (Kenosis) und die ebenfalls bereits erwähnte namenlose Bedrohung (Ananke), die auch in Freuds klassischer Psychoanalyse eine wichtige Rolle spielt – allerdings als eine auf das «Realitätsprinzip» reduzierte, naturalistisch-ontifizierte Ananke. Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit, der ein Fehlen des psychoanalytischen Denkens in den Wissenschaften beklagt, spricht hinsichtlich der Ananke von «Körperverschlingung» und hinsichtlich der Kenosis von «Körperauflösung». Unser ganzes Sein ist – «ob bewusst oder unbewusst» (Rudolf Bultmann) – traumatisch verfasst (Peter Widmer).

 

Abwehr eines Seins, eines Tuns und eines Wissens

Fremdenfeindlichkeit respektive Angstabwehr richten sich ihrem verschlüsselten Sinn nach gegen die Ananke (das Kastrierende, Verschlingende, Lacans «Reale»), die Schwachenfeindlichkeit respektive Schamabwehr gegen die Kenosis (die Kastration, Sartres und Lacans «Mangel-an-Sein»), und die Kritikfeindlichkeit respektive Schuldabwehr (psychoanalytisch: «Widerstand») gegen die Metanoia (Umkehr, Selbstwahl). Abgewehrt werden die drei Grundaffekte oder Grundbefindlichkeiten Angst, Scham und Schuld. Alles in allem wird der Tod in concreto abgewehrt: das gelebte «Sein zum Tode» (Heidegger), der «inständige Tod» (Hans Kunz), der tremendum-Aspekt der Transzendenz, die Krisis oder – psychiatrisch-psychoanalytisch gesprochen – die präpsychotische Dekompensation (die Verzweiflung, das gegenwärtige Urtrauma). Mit ihrem tremendum-Aspekt wird Freiheit als Ganzes abgewehrt – also auch ihr fascinosum-Aspekt (das Staunen, der Kairos, das Ekstatisch-Pleromatische). Das Abgewehrte, Tiefenpsychische ist das «In-der-Welt-sein» (Heidegger), und dieses ist eine gelebte Sterblichkeitssalienz.

Angst- und Schamabwehr, ideologische Hass- und Selbsthass-Abwehr (ideologische Verschleierung der Angst- und Schamabwehr durch Kants «Vernünfteln») sowie die Schuldabwehr (Widerstand gegen den Ruf zu Verantwortung und eigener Urheberschaft) erweisen sich als drei übereinander gelagerte Grade des psychoanalytischen «Agierens» (des Inszenierens psychischer Brüche und Konflikte in der Welt und stellvertretend in Anderen). In Entsprechung zu diesen drei Graden des Inszenierens lassen sich – daseinsanalytisch, ausgehend von einer Analyse gelebter Lebens- und Konfliktvollzüge – drei moralische Imperative formulieren:

 

Drei moralische Imperative

Diese drei Imperative zeichnet eine Umkehr des Begründungsansatzes aus: vom Anderen (dem Opfer) auf das Subjekt (den Täter). Psychoanalytisch betrachtet liegt Strafe in der verwerflichen, kriminellen, ‘kaltherzigen’ (Bloch: «Kältestrom»), neurotisch-gleichgültigen oder aber psychotisch-rauschartigen (Bloch: «Wärmestrom») Tat selbst: Welt nimmt dann «sozusagen als Ganzes» ab, wie Wittgenstein formuliert. Strafe liegt – psychoanalytisch, existenzial-ontologisch, hermeneutisch-anthropologisch betrachtet – in einer Verschliessung vor dem Begegnenden oder «Seienden» (im Gegensatz zum «Sein»). Seele und Geist «machen zu», wie es umgangssprachlich heisst. Psyche ist, so könnte man sagen, etwas, das ständig auf- und zumacht, wobei Öffnung Grundlage der Verschliessung ist. ‘Unter’ der Verschliessung ‘west’ oder ereignet immer die Öffnung, ein abgründiger Grund, die Krisis. Misstrauen basiert auf Vertrauen, und ideologische Verkehrungen basieren auf dem offenlegenden Logos. In der Verschliessung und Begegnungsunfähigkeit erkannte schon Cicero die Strafe, die den Täter im Augenblick der Tathoc ipso – trifft, und bezeichnete sie als die höchste Strafe.

Hinsichtlich dieser Verschliessung – des anthropologischen «radicalen Bösen» (Kant), des im Menschen lebenden Bedürfnisses zu hassen und zu vernichten (Einstein), Freuds «Todestrieb», Umberto Ecos «Urfaschismus» und der imaginären Feindbildproduktion – lautet der Imperativ:

«Wehre die abgründige Freiheit, die Du selber bist, aber nicht hervorzubringen wagst, nicht stellvertretend in Mitmenschen ab!» Dieser Imperativ verbietet die Abwehr eines Seins (zum Tode) stellvertretend in Fremden und Schwachen – eines Seins, das in den «reinen» Affekten Angst (objektivisch) und Scham (subjektivisch) zum Vorschein kommt.

Hinsichtlich ideologischer Sprachspiele, die die Fremden- und Schwachenfeindlichkeit als vernünftig rationalisieren – etwa weil Bedürftige faul, asozial, parasitär oder Fremde kriminell (böse) seien –, und die Kant als «Vernünfteln» bezeichnet, lautet der Imperativ: «Täusche Dich nicht mit ideologischen Ausreden darüber, dass Du stellvertretend in Fremden etwas Abgründiges hasst und stellvertretend in Schwachen etwas Abgründiges verachtest, das Deinem eigenen Sein anhaftet!» Dieser Imperativ verbietet die Abwehr eines eigenen Tuns stellvertretend in Anderen (die ideologische Verkehrung eines eigenen ‘bösen’ Tuns in ein ‘Böses’ des Anderen).

Hinsichtlich der emanzipativen, auch und gerade feministischen, Rassismuskritik übenden Intellektuellen oder Menschenrechtsaktivisten – der sogenannten «Gutmenschen», die ihre Stimme gegen Amoral und Hass erheben (eigene Urheberschaft), und denen pauschal unterstellt wird, sie würden mit ihrer politischen Korrektheit die Meinung anderer (deren Stimme) unterdrücken und in arroganter, totalitärer und «sprachpolizeilicher» Weise Sprechverbote austeilen – könnte der Imperativ lauten: «Wehre nicht stellvertretend in Intellektuellen, die ihre Stimme gegen Hass und Ausschluss erheben, das Wissen ab, dass Du Deine eigene, unverfälschte Stimme nicht erhebst!» Dieser Imperativ verbietet die Abwehr eines Wissens (Gewissens) stellvertretend in «Eliten», die keine Sprechverbote austeilen, sondern «Geniessverbote», wie der Psychoanalytiker Fabian Ludwig treffend bemerkt – lies: Hassverbote.

 

Der Rechtssinn aus existenzial-psychoanalytischer Perspektive

Ausgehend von einer existenzial-psychoanalytischen Konfliktanalyse, wie sie soeben grob skizziert wurde, lässt sich der transethische, hermeneutisch-anthropologisch fundierte Sinn des Rechts bestimmen. Positiv formuliert ist das höchste Gesetz (die summa lex) das Gebot der «Übernahme» der Teilnehmerperspektive des Anderen (Empathie, Mitgefühl, Offenheit, Begegnen- und Seinlassen des Anderen): «Du sollst den Nächsten in seinem Erleben und Erleiden begegnen lassen!» oder «Du sollst den Anderen in seiner radikalen Andersheit, Eigenständigkeit, Entzogenheit und Unantastbarkeit erkennen, anerkennen, seinlassen (Inzestverbot!) und auch befördern!» (Irena Brežnás Recht auf Fremdheit). In dieser positiven Hinsicht (Gebot) des «Siehe hin!» oder «Höre hin!» oder «Begegne unvoreingenommen!» (richterliche Unabhängigkeit) findet die moralische summa lex ihren höchsten Ausdruck im Verhältnismässigkeitsprinzip (Einzelfallgerechtigkeit) – aber auch in Rechtsprinzipien wie dem Anspruch auf das rechtliche Gehör oder im Individualisierungsprinzip der Sozialhilfe. Das Wegsehen vom Individuum und seinem unverwechselbaren Anspruch (also moralisches Unrecht) darf nicht formaljuristisch mit Gleichheit und Gleichbehandlung rationalisiert werden.

Die Meinungsäusserungsfreiheit erweist sich existenzial als ein ins positive Recht heruntergebrochenes Ja zur eigenen Urheberschaft, zur Metanoia (Umkehr) oder zum psychoanalytischen «Vatermord»: «Erhebe Deine eigene, unverwechselbare Stimme!» Das Recht will den freien Menschen, der seine eigene, nicht bloss ausgeliehene Stimme erhebt. Der freie, offenständige, «wahnfreie» (Karl Löwith) Mensch ist der Glaube, das Bekenntnis, der Grund und das Ziel des Rechts. (Hierin liegt, nebenbei bemerkt, auch der existenzial-psychoanalytische Sinn der Invokation der Verfassung: Transzendenz und Freiheit sind identisch! Die Verfassung ‘spricht’ ihrem authentischen Sinn nach im Namen der Freiheit.) Die Meinungsäusserungsfreiheit steht in direktem Widerspruch zu Verhetzung, Rassismus und so verstandener «Meinung»: Hate Speach (Hassrede) und Rassismus schliessen Menschen aus der Diskursgemeinschaft (der Meinungsäusserungs-Gemeinschaft) aus und machen Angehörige von Minderheiten mundtot. Stimmenraub begehen gerade nicht diejenigen, die Hate Speach zurückweisen und damit vorgeblich «Sprechverbote austeilen».

Negativ (als Verneinung) und widerspruchstheoretisch (von der Pathologie her betrachtet) ist die summa lex ein Verbot: ein Nein zum «Verschwindenlassen» von inkommensurablen, unverwechselbaren Individuen hinter Kategorien des Bedrohlichen oder Verächtlichen, um in ihnen eine Projektionsfläche für den tremendum-Aspekt der Freiheit zu gewinnen. Abwehr der Freiheit stellvertretend in Anderen (projektive Identifizierung) führt auch zu rechtstatsächlicher Diskriminierung, zu moralischem Unrecht in Rechtsform: Der Jurist David Mühlemann von humanrights.ch spricht treffend von einer Stigmatisierung des gesellschaftlich «Bösen» (Strafrecht), «Fremden» (Asyl- und Ausländerrecht) und «Schwachen» (Sozialhilfe).

Im Diskriminierungsverbot und im Verbot der Volksverhetzung spricht sich das psychoanalytische Tötungsverbot – das Nein zur wahnhaft-imaginären Vernichtung des Nichtseins (Terry Eagleton) respektive der Freiheit stellvertretend im Anderen – am umfassendsten aus. Der Mensch darf nicht auf einen Merkmalsträger (z. B. «Jude» oder «Muslim») und damit auf ein blosses Exemplar einer Sorte Mensch reduziert werden, um in ihm eine Projektionsfläche für den Abgrund der Freiheit zu gewinnen.

 

Die Psychoanalyse ist das eigene Denken der Jurisprudenz

Autoritarismus kann man nur bekämpfen, wenn man ihn versteht. Von einem Verstehen des Autoritarismus und der Menschenfeindlichkeit sind wir noch weit entfernt – weiter noch als vor 50 Jahren (Heidegger, Jaspers, Adorno, Kunz und viele andere stehen für eine Blüte des existenzialen, hermeneutisch-anthropologischen Denkens). Verbreitet ist eine fehlende Transzendenz- und Inkompetenz-Einsicht (Peter Strasser) – auch und gerade an den (zwangsneurotischen) Universitäten. Das herrschende Menschenbild ist völlig schief: Der Mensch erscheint funktionalistisch reduziert; Freiheit und Abwehr werden naturalistisch ontifiziert – diese Kritik betrifft auch die Freud’sche Psychoanalyse (und dort das Realitätsprinzip und die Hermeneutik des Triebwunschs). Selbst die Psychoanalyse wird von der Vulnerabilitätsabwehr besetzt (Abwehr mittels «schlechter Metaphysik» und wissenschaftlicher oder psychoanalytischer Theoriebildung). In der Psychoanalyse bezeichnet man diesen Abwehrmechanismus als «Widerstand»: Man will von etwas Bestimmtem nichts wissen, weil es wehtut, nahegeht, traumatisch ist. Wissen hat mit Wille, Mut zu tun, weniger mit Intelligenz. Wissen und Objektivität haben eine dezisionistische Komponente (Stefan Gosepath). «Widerstand» und Schuldabwehr sind identisch.

Das Erstarken von Autoritarismus und Rassismus bringt das «Recht dem Rechtsbegriff nach» (Gustav Radbruch) in Gefahr. Die gegenwärtigen Entwicklungen zwingen uns Juristinnen und Juristen, Tuchfühlung mit der Psychoanalyse aufzunehmen, denn die anthropologische, von Zeit (Geschichte) und Ort (Kultur) unabhängige Dimension von Autoritarismus und Menschenfeindlichkeit erschliesst sich nur einem existenzial-psychoanalytischen Denken. Angemerkt sei, dass es neben der Rechtssoziologie und der erkenntnistheoretisch, nicht-psychoanalytisch verfahrenden Rechtsphilosophie auch eine (lacanianische) psychoanalytische Rechtstheorie gibt: eine Schnittstellendisziplin, die im deutschsprachigen Raum noch nicht einmal ein Randdasein fristet. Psychoanalyse weckt enorme Widerstände (Paul Tillich, Klaus Theweleit) – dies liegt in der Logik dessen, was sie aufdecken will.

Wir Juristinnen und Juristen dürfen nicht darauf warten, dass Psychoanalytiker uns «Einsichten» liefern. Wir Juristinnen und Juristen dürfen auch nicht auf die längst nötige Synthese von Psychoanalyse und Kritischer Theorie (Moshe Zuckermann) warten und auf eine Rechtssoziologie, die aus dieser Synthese hervorgehen würde. Psychoanalyse – verstanden als sinnkritisches, existenzial-ontologisches, daseinsanalytisches, phänomenologisch-hermeneutisches, auch sprachanalytisches, ideologie- und religionskritisches Denken – ist nicht mit Freud vom Himmel gefallen. Als ein «Denken ohne Geländer» (Arendt) ist die Psychoanalyse so alt wie die Philosophie. Sie ist ein «Selberdenken in Freiheit» (Wilfred Bion) – also unser eigenes Denken. In diesem Sinne lässt sich sagen:

Die Psychoanalyse ist das eigene Denken der Jurisprudenz.

 

 

[1] Handout zum Vortrag «Die Rolle von Licht- und Dunkelgestalten in menschlichen Konflikten aus psychoanalytischer Perspektive» an der Tagung «Die Präsentation sozialer Gruppierungen mittels symbolischer Formen» der Schweizerischen Gesellschaft für Symbolforschung am 21.09.2019. Im Spätherbst 2019 erscheint beim Schwabe Verlag ein psychoanalytisch-rechtstheoretisches Grundlagenwerk mit dem Titel «Freiheit und Krisis. Psychoanalyse des Autoritarismus und psychoanalytische Rechtsanthropologie». «Matthias Bertschinger setzt im vorliegenden Werk da an, wo andere aufhören. Seine fundamentale Kritik am modernen Rechtsverständnis basiert auf der Überzeugung, dass in der modernen Rechtstheorie und ganz allgemein in der heutigen Soziokultur Grundlegendes von dem, was den Menschen letztlich ausmacht, verdrängt wird» (Daniel Hell).

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