Wer ist aufgeklärter: „Der“ Islam oder „der“ Westen?

Samstag, 2. September, 2017 0 No tags Permalink 0

Wessen Freiheitsbegriff ist aufgeklärter: Derjenige „des“ Westens oder derjenige „des“ Islams? Die westliche Freiheit ist in sinnkriterialer Hinsicht zu einem Surrogat ihrer selbst, inhaltsleer und substanzlos geworden.

In der ganzen Denkgeschichte zeigt sich eine Dichotomie des Rechts: Das Recht will Freiheit (verstanden als ontologische Freiheit, als transcendens schlechthin) und braucht den Diskurs. Diese Konzeption des Rechts kommt namentlich in Ciceros dichotomischer Naturrechtskonzeption zum Ausdruck und findet sich auch in einem aufgeklärten islamischen Rechtsverständnis.

Im Sinne eines solchen Rechtsverständnisses fordert beispielsweise Mahmoud Bassiouni (Leibniz-Forschungsgruppe «Transnationale Gerechtigkeit») zweierlei: Einerseits einen universalen, kulturunabhängigen Begriff vom Menschen und seinen universalen Rechten zu entwickeln, sie anderseits aber auch islamisch zu legitimieren – also diskursiv in demjenigen Kollektiv, welches sich selbst das Recht gibt. Beide Ansprüche gälte es gleichzeitig zu erfüllen.[1]

Auch die Scharia ist gemäss dem auf islamisches Recht (Normenlehre und ihre Methodologie) spezialisierten Juristen Çefli Ademi geprägt von einer solchen Dichotomie: Die absolute Kenntnis der Scharia sei einzig Gott vorbehalten. Aufgabe des Menschen sei es, nach göttlichen Normen hinsichtlich des menschlichen Umgangs mit der Schöpfung zu suchen. Diese menschliche Suche bescheidet sich jedoch mit Wahrscheinlichkeiten auf der Basis göttlicher Hinweise – nicht göttlicher Gesetze, die man wie profanes Recht buchstabengetreu befolgen kann (siehe Benjamins Irreduzibilität des Göttlichen).[2] Die traditionelle, nicht dogmatische Lesart der Scharia sei geprägt von einer bewährten Gelehrsamkeit und dem Wettlauf um methodologische sowie praktische Plausibilität – und nicht durch institutionelle Dogmen.[3]

Die göttliche summa lex lässt sich auch hier nur suchend, annähernd verwirklichen, nicht eins zu eins herunterbrechen. Das menschliche Recht kommt nicht an die göttlichen Vorgaben heran. Beide Bereiche bleiben aber aufeinander bezogen: Das Göttliche erscheint kraft der «weltlichen» Hinwendung zum konkreten Menschen in seiner Eigenständigkeit, Unantastbarkeit, und der «weltliche» Umgang miteinander hat seinen Sinn im Göttlichen, Namenlosen.

Der Geist hinter den Rechtsgrundsätzen des Korans wirke jenseits von Raum und Zeit, die Anwendung dieser Rechtsgrundsätze müssen den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden, so der Islamwissenschafter Mohammad Fazlhashemi. Es dürfe nicht auf eine biblizistische Weise auf den historischen Ausformungen des Rechts (Hinrichtung, Steinigung, Amputation usw.) beharrt werden.[4]

In diesem Sinne lehrt der Sufismus, dass die Innenperspektive (Erscheinenlassen des Begegnenden in seiner Eigenständigkeit und Unverfügbarkeit) und die Aussenperspektive (Blick auf das Begegnende in seiner ontischen Faktizität) als zwei Aspekte der Realität zu verstehen sind, die sich gegenseitig reflektieren und aufeinander beruhen.[5]

Der soziologische Blick verstellt die Sicht

Die Islamwissenschaftlerin Almut Höfert macht darauf aufmerksam, dass hinsichtlich des Ineinanders von Staat und Religion in islamischen Ländern vom Westen gar nicht hinterfragt werde, wie Reli­gion über­haupt defi­niert wird. Man geht, als wäre dies selbstverständlich, vom eigenen Religionsverständnis aus, etwa demjenigen von Religion als Droge oder Konstruktion, das auch bei soziologischen Religionswissenschaftlern sehr häufig anzutreffen ist: «Gott» wird religionswissenschaftlich als Gegenstand des erkenntnistheoretischen Denkens vorgestellt oder seitens der Gläubigen als etwas Ontisch-Seiendes für wahr gehalten. Viele (wenn nicht die meisten) Atheisten und Gläubigen teilen diesen Transzendenzbegriff und bestätigen sich auf diese Weise gegenseitig in einem reduzierten Transzendenzverständnis – zum Schaden beider Seiten und des Dialogs. Im Westen wäre eine sinnkritische Reflexion über den Begriff «Allmacht» nötig, der sich auch im ersten Satz der Schweizerischen Bundesverfassung findet.

«Die euro­päi­sche Geschichte wird mit solchen euro­päi­schen Kate­go­rien zur Norm, während der Islam zwangs­läu­fig als defi­zi­tär […] erscheint.» Die Zersplitterung der Wissenschaft in Einzeldisziplinen erschwert gemäss Höfert den Blick aufs Ganze (Heinrich Barths «Zusammenschauen»): Die «moder­nen Kultur- und Fächer­gren­zen verstel­len immer wieder wie Beton­mau­ern den Blick auf […] Gemein­sam­kei­ten und Verflech­tun­gen. […]. Wir tun gut daran, die Gren­zen zwischen ‘uns’ und ‘den Ande­ren’ flie­ssend zu halten und die Grund­lage einer geein­ten Mensch­heit höher zu setzen.»

Wir brauchen gemäss Höfert nicht einfach nur noch mehr und dann nochmals mehr «sozio­lo­gi­sche, poli­tik­wis­sen­schaft­li­che und zeit­ge­schicht­li­che Analy­sen», denn genau so bewegen wir uns nicht im Denken, hinterfragen wir nicht die paradigmatischen Voraussetzungen unseres westlichen Denkens, welches Unverfügbarkeit ausklammert.

Wir bräuchten auch innerhalb der Wissenschaft existenzial-philosophische, existenzial-theologische, hermeneutisch-psychologische, kurz: sinnkritische Analysen, wenn es um anthropologisches Verstehen und nicht um Verdrängung gehen soll. Auf ein solches Sinnverstehen zielt auch Höfert, wenn sie anmahnt, den «Blick auf gesell­schaft­li­che Ausgren­zun­gen und fragile Männ­lich­kei­ten» zu richten – denn damit spricht Höfert die Projektion des Abgrunds und den Potenzwahn an, denen es um ein Ausweichen vor dem Sinn des Rechts geht: der ontologischen Freiheit, dem Ausgesetztsein ins «Unzuhause». Diesem Ausweichen entspricht, dass man nur den erkenntnistheoretischen Zugang zur Welt kennt, dem der Sinn des (islamischen) Rechts gar nicht aufgehen kann.[6]

Pervertierung der Freiheit im Westen

«Das menschliche Leben ist – bewusst oder unbewusst – bewegt von der Frage nach Gott.» (Bultmann)[7] – dies ist eine anthropologische Aussage mit Wahrheitsanspruch, der nur sinnkritischem Denken aufgeht. Angesichts der westlichen «Seinsvergessenheit» (Heidegger), die eine «Psychevergessenheit» ist, liesse sich provokativ fragen, ob «das» islamische Staats- und Rechtsverständnis nicht einen stärkeren Freiheizbezug aufweist als «das» westliche Verständnis, denn im westlichen Denken wird die Freiheit sprichwörtlich vergötzt, in etwas Ontisch-Seiendes verkehrt. Doch der Sinn des Rechts ist auch im Westen – bewusst oder unbewusst – die ontologische Freiheit, die man gemäss Wittgenstein «Gott» nennen kann.[8] Die westliche Freiheit ist in sinnkriterialer Hinsicht zu einem Surrogat ihrer selbst, inhaltsleer und substanzlos geworden.

[1] Vgl. Mahmoud Bassiouni, Menschenrechte zwischen Universalität und islamischer Legitimität, Suhrkamp 2014.

[2] Der säkulare Schriftsteller und Aktivist Kacem El Ghazzali wendet sich gegen jede Gesetzesgläubigkeit: «Sobald eine Religion in Gesetze kodifiziert ist, verliert sie ihren Anspruch auf Göttlichkeit. Das ist das Problem des Islams heutzutage. Wenn die Mehrheit der Muslime Religion nicht als Privatangelegenheit zwischen sich und Gott betrachten, sondern als Regelwerk für ihr Leben, ja für die ganze Gesellschaft, dann sind Konflikte zwischen Glauben und Grundrechten unumgänglich. Umso mehr ist Kritik an diesem System eine Pflicht und ein effektiver Weg, um den Fundamentalismus an den Wurzeln zu bekämpfen.»

[3] Çefli Ademi, «Die» Scharia gibt es nicht, in: Qantara.de, 16.07.2016; http://de.qantara.de/inhalt/reformen-im-islam-die-scharia-gibt-es-nicht. «Extremistische Gruppen im frühen Islam wie die Kharidschiten, die in ihrem Schariaverständnis ein absolutes „Gottesrecht“ sahen und als Vorläufer des IS gesehen werden können, waren gegenüber der klassischen Gelehrsamkeit nicht konkurrenzfähig. Ihnen fehlte das argumentative Niveau.», «Gott indes ist erhaben über menschliche Unzulänglichkeiten. Gerade deshalb hatte es Mohammed untersagt, das Urteil eines Großgelehrten ein Urteil Gottes zu nennen – es bleibt Menschenmeinung. Damit ebnete er den Weg für ein Wetteifern um Plausibilität in der Anerkennung von Diversität.»

[4] Mohammad Fazlhashemi, Die rettenden Überzeugungen, in: Die Zeit, 16.04.2016; http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-03/menschenrechte-islam-scharia-gesetze-vereinbarkeit/komplettansicht.

[5] Vgl. Syed Qamar Afzal Rizwi, Die stärkste Waffe des Islam ist die Liebe, in: Die Zeit, 20.02.2017; http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-01/sufismus-islam-mystik-fundamentalismus/komplettansicht.

[6] Almut Höfert, Welcher Islam? Zum Islam in Feuil­le­ton und Forschung, in: Geschichte der Gegenwart, 21.05.2017; http://geschichtedergegenwart.ch/welcher-islam-zum-islam-in-feuilleton-und-forschung/.

[7] Bultmann 1954 (II), S. 192.

[8] Vgl. Rentsch 2005, S. 159. Der Sinn der Welt, der vorliegend als «ontologische Freiheit» bezeichnet wird, liegt gemäss Wittgenstein nicht in der Welt, und diesen Sinn könne man «Gott» nennen. Sinn erscheint an der Grenze der Sprache und an der Grenze der Welt, er ist nicht sagbar, sondern zeigt sich nur, er entzieht sich unserem erkenntnistheoretischen Zugriff. Gemäss Wittgenstein erhebt das Ethische, das auf Sinn bezogen ist, im Sinne Kants einen unbedingten, absoluten Anspruch (Rentsch 2005, S. 158).

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