Vergesst Huntington

Samstag, 9. Januar, 2016 0 No tags Permalink 9

Möglicherweise ist es für das Verstehen des Zeitgeistes (und der aktuellen Entwicklungen weltweit) hilfreich, das Phänomen „Durchsetzungsinitiative“ nicht nur aus rechtlicher oder soziologischer Perspektive zu beleuchten, sondern – darüber hinaus – auch aus derjenigen der völlig ausser Mode geratenen hermeneutischen Anthropologie.

Es wird seitens der Initianten als selbstverständlich und gerecht postuliert, dass sich Mitglieder einer bestimmten Gruppe der Wohnbevölkerung („Ausländer“) keinen Regelverstoss erlauben dürfen – schlicht deshalb nicht, weil sie keine voll- oder gleichwertigen Mitglieder unserer Gesellschaft sind (Ideologie der Ungleichwertigkeit). Diese Ausserkraftsetzung der Einzelfallgerechtigkeit (Bundesverfassung Art. 5 Abs. 2) für Ausländer gibt denjenigen, die nicht Ausländer oder „Underdogs“ (beschönigend: „Gäste“) sind, ein Gefühl der Überlegenheit und der Macht.

Es sind nicht selten die „entrechteten“ Mitglieder der Gesellschaft (diejenigen, die sich ausgegrenzt und ohnmächtig fühlen, die an Grenzen irgendwelcher Art stossen, die mit dem Existenzminimum auskommen müssen usw.), die das Angebot der Ideologie der Ungleichwertigkeit bereitwillig annehmen und sich zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Ausländerfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit, Schwulenfeindlichkeit usw.) hinreissen lassen. Denn in Underdogs lässt sich, mit Karl Jaspers gesprochen, die eigene, als jämmerlich und elend empfundene Existenz stellvertretend hassen und verachten (und damit letztlich als eine endliche, fundamental begrenzte verleugnen). Solche Macht- und Überlegenheits-Angebote seitens Verführer egal welcher Provenienz sind übrigens genau das, was Menschen auch in die Arme des IS treibt.

Wir haben es nicht mit einem Kampf zwischen Kulturen oder Religionen zu tun, sondern dieser Kampf zwischen emanzipatorischen und anti-emanzipatorischen Kräften zieht sich entgegen Huntington (Huntington – diese strukturkonservative, sich selbst erfüllenden Prophezeiung!) quer durch alle Gesellschaften, Kulturen und Religionen – und quer durch das einzelne Individuum: Es ist ein Kampf zwischen Denken und Angst- bzw. Ohnmachtsabwehr, zwischen Denken und Flucht vor dem eigenen, namentlich finalen Scheitern. – Ein Kampf in den unterschiedlichsten Erscheinungen (Formen), die von seinem Wesen ablenken (und wohl auch von seinem Wesen ablenken sollen).

Das Denken und die Zurückweisung von Diskriminierung (Bundesverfassung Art. 8 Abs. 2) haben immer den schwereren Stand, weil sie letztlich auf eine Akzeptanz der Endlichkeit hinauslaufen; weil sie vor dem Urtrauma des mit Bewusstsein gesegneten und geschlagenen Menschen, dem Tod, nicht einfach davonlaufen. Denken erfordert Kraft. Zu einem solchen Standhalten müsste Kultur und eine Bildung, die sich nicht in Ausbildung erschöpft, befähigen.

Mit Blick auf «Köln» sei schliesslich angefügt: Es handelt sich nicht um «falsch verstandene politische Correctness», wenn man anmahnt, nicht ganze Gruppen für Regelverstösse Einzelner in Sippenhaft zu nehmen, sondern um eine Kernforderung der Aufklärung, die nicht oft genug repetiert werden kann. Gerade weil wir für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit derart leicht verführbar sind, und sofern uns an «westlichen» und liberalen Werten wirklich etwas liegt, muss unablässig wiederholt werden: Es tangiert das Verbrechen nicht, ob der Verbrecher Flüchtling, Muslim, Pole oder Autofahrer ist (Artikel 8 Abs. 2 Bundesverfassung). Verbrechen sind in einem Rechtsstaat immer und immer nur Verbrechen Einzelner und nicht ganzer Gruppen.

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