Schlusswort: Plädoyer gegen Ecopop in drei Punkten

Dienstag, 28. Oktober, 2014 1 No tags Permalink 7

1. Entwicklungshilfe-Organiationen warnen davor, Fragen der Familienplanung isoliert von der sozialen und ökonomischen Situation der Frauen in Drittweltländern zu betrachten. Ecopop foutiert sich um einen solchen umfassenden Ansatz moderner Entwicklungshilfe.

2. Umweltzerstörung kennt keine Grenzen! Wirksamer Umweltschutz braucht in einer sich globalisierenden Welt auch supranationale Rahmenbedingungen, also gewisse Mindeststandards, die nicht durch Einzelstaaten ausgehebelt werden können, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Wenn sich Politik nicht ebenfalls globalisiert, gerät sie gegenüber der Wirtschaft ins Hintertreffen, und mit ihr die Umweltanliegen. Wirksamer Umweltschutz braucht daher auch mehr Europa. ECOPOP stellt sich im Gegenteil gegen die Personenfreizügigkeit und damit auch gegen mehr Europa.

3. Umweltschutz ist nicht ohne soziale Gerechtigkeit zu haben. Es ist mühsame Kleinarbeit, diesen Zusammenhang aufzuzeigen – mühsam, weil keine Schuldigen für die Umweltzerstörung präsentiert werden können. ECOPOP präsentiert uns Schuldige und erweist dem Umweltschutz damit einen Bärendienst. Wir sind alle Schuldige und tragen Verantwortung für die Welt, in der unsere Kinder leben werden.
Jeder von uns verbraucht so viel Energie wie ein ganzes – wenn auch kleines – somalisches Dorf. Aber diese Afrikaner werden uns als das Problem präsentiert. Wenn die Schuld immer bei anderen gesucht wird, bei „Fremden“, bei bestimmten Gruppen, bei den Schwächsten – wie soll man dies nennen? Bequeme Sündenbock-Politik ist es allemal. Soziologen sprechen von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. Das ist aber nur ein anderes Wort für Fremdenfeindlichkeit.

Die Erörterung der Frage, weshalb Menschen so anfällig für Ausgrenzung sind, wäre abendfüllend und hat viel mit dem Licht des Bewusstseins und damit zu tun, wie Menschen sich selbst hinter dieses Licht führen. Der Mensch ist verführbar, weil er Bewusstsein hat. Instinkte wirken hier nur unterstützend. Dies bedenken viele Naturwissenschaftler nicht. In diesem Zusammenhang ist die spitze Bemerkung des Psychoanalytikers Peter Schneider im Buch von Herrn Niklaus zu sehen, der sagt: „Ecopop ist […], was sich pensionierte Maschinenbauingenieure (ETH/AHV) unter Politik vorstellen“.

Herr Thommen, Sie sagen, Ecopop sei nicht fremden- oder ausländerfeindlich. Aber was genau Ecopop anspricht bei den Leuten, was Sie, Herr Thommen, eigentlich sagen, ohne es explizit zu machen, zeigt ein Blick in die Reihen derer, die Ihnen zujubeln, ein Blick in die Kommentarspalten der Medien.

Daran ändert auch der Vergleich mit der „Festung Europa“ nichts, oder der Vergleich mit der strengen Einwanderungspolitik der USA, wie ihn kürzlich Kassensturz-Ex-Moderator Urs Peter Gasche anstellte, und daran die Frage knüpfte: Ist die EU, sind die USA dann etwa nicht auch fremdenfeindlich?

Die USA halten wenigstens nicht wie die Schweiz den Ausländeranteil künstlich hoch, auf den viele Wutbürger verweisen, um ihr Ressentiment schönzureden. In den USA wird nämlich Amerikaner oder Amerikanerin, wer dort geboren wird. In der Schweiz ist das nicht so.

Der Vergleich zeigt: Man wird nicht als Ausländer oder Zuwanderer geboren. Es ist kein Naturgesetz, ob man Ausländer wird oder nicht, man wird zum Ausländer erklärt. Die Grenze zwischen uns und den Ausländern ist menschengemacht, und je nachdem, je nach Land, verläuft diese Grenze anders.

Wer diese Grenzziehung zwischen „uns“ und „den Ausländern“ zementiert anstatt zu hinterfragen und Migration dadurch zu einer Erbsünde macht, wer den „hohen Ausländeranteil“ heranzieht, um seine Abschottungs-Politik zu rechtfertigen, als wäre der hohe Ausländeranteil eine naturwissenschaftliche Grösse, als gäbe es ihn so wie den Anteil an Antilopen unter den restlichen Tieren der Serengeti, oder aber denjenigen in die Hände spielt, die aus solchen unhinterfragten Kategorisierungen politisches Kapital schlagen, muss sich zumindest den Vorwurf gefallen lassen, nicht weit genug zu denken.

Es stehen aber umgekehrt auch nicht alle, die sich für weltoffen halten, für den Wert ein, dass Menschen unabhängig von Geburt und Stand die gleichen Rechte besitzen sollen. Mir bereiten funktionalistische Nützlichkeitserwägungen der Ecopop-Gegner Sorgen: Etwa das Argument, dass wir die Menschen, die unter die Kategorie „Ausländer“ fallen, als Arbeitskräfte benötigen, oder, dass „Ausländer“ mehr in die Sozialwerke einzahlen, als sie beziehen. Denn was wäre, wenn wir sie plötzlich nicht mehr bräuchten? Was, wenn sie weniger einzahlen würden, als sie beziehen?

Die Grenze zwischen Ansässigen und Migranten, Einheimischen und Ausländern ist fliessend, es gibt sie nur in unseren Köpfen. Zwischen Basel-Stadt und Baselland wurde eine solche Grenze kürzlich wieder frisch gezogen – nur durch Sprechen, Sprache, Höhenfeuer: Zeichen und Symbole.

Ecopop – und nicht nur Ecopop, auch Heimatpop, Erfolgsmodellschweizpop –, solche Symbolpolitik macht Menschen dafür blind, dass es diese Grenze zwischen Einheimischen und Ausländern in einem naturwissenschaftlichen Sinn nicht gibt, sondern dass es sich dabei um Bilder und Grenzen in unseren Köpfen handelt.

Ecopop zementiert solche Bilder und Grenzen, anstatt sie zu hinterfragen – Bilder und Grenzen, die Grundlage jeder billigen Ausgrenzungspolitik sind, Voraussetzung dafür, dass sich „Einheimische“ überhaupt gegen „Ausländer“ ausspielen lassen – und ich ermutige alle Anwesenden, sich gegen solche anti-aufklärerischen Voreingenommenheiten in unserer Gesellschaft zu stellen, die sich leider zunehmender Beliebtheit erfreuen.

Es braucht – anders als Herr Thommen meint – keinen Mut, für Ecopop zu sein, sondern es braucht im Gegenteil Mut, sich gegen den Geist zu stellen, den diese Initiative atmet.

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1 Kommentar
  • Beat Käser
    November 13, 2014

    Lieber Matthias
    Genialer Text, ich bin beeindruckt!
    „…solche Symbolpolitik macht Menschen dafür blind, dass es diese Grenze zwischen Einheimischen und Ausländern in einem naturwissenschaftlichen Sinn nicht gibt, sondern dass es sich dabei um Bilder und Grenzen in unseren Köpfen handelt….“
    einfach gut Mister B.

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