Pressemitteilung zu meinem offenen Brief an Diözesenbischof Felix Gmür

Sonntag, 9. März, 2014 0 No tags Permalink 0

Sehr geehrte Damen und Herren Medienschaffende

Seit meiner Strafanzeige gegen das „Egerkinger Komitee“ hat das Ressentiment gegen Muslime nicht ab-, sondern im Gegenteil noch zugenommen; ein vergleichender Blick in die Leserbriefspalten („lohnenswert“ auch in diejenigen der heutigen „Schweiz am Sonntag“) bestätigt diese bedenkliche Entwicklung.

Dabei hat Hetze gegen Muslime nichts mit Meinungsäusserungsfreiheit zu tun, sondern verstösst im Gegenteil gegen die Meinungsäusserungsfreiheit beziehungsweise gegen deren Voraussetzung: Wer Muslime pauschal als gewaltbereitere oder intolerantere Menschen hinstellt, delegitimiert sie bereits auf der Anerkennungsebene und beraubt sie dadurch ihrer Stimme. Ähnliches gilt für andere Gruppen, die man gefahrlos ausgrenzen und auf welche man das Ressentiment lenken kann, ohne ein Risiko einzugehen (Menschen mit abweichenden sexuellen Präferenzen, schwer therapierbare Straftäter, IV- oder Sozialhilfebezüger und weitere Gruppen, zu denen man selbst nicht gehört, aber auch anonyme Kreise oder Gebilde wie der Staat, die Sozialindustrie, der „westliche Therapeutismus“ [E. Sorg], „die da oben“, die [welt-]fremden Richter, der Europarat, die EU etc.).

Dabei schlüpfen Aufwiegler – ganz nach Art der Demagogen – regelmässig in die Opferrolle, um ihre Täterrolle vor sich selbst und anderen zu verbergen beziehungsweise ihre Angriffe als Verteidigung zu rechtfertigen (Stichwort „kognitive Dissonanz“). Sie täuschen sich und andere über den Umstand hinweg, dass sie sich selbst im Mainstream bewegen; sich im Mainstream zu bewegen, dessen bezichtigen sie in Umkehrung der Tatsachen den Gegner (Demagogen-Trick Nr. 2: „Unterstelle anderen das zu tun, was Du selbst betreibst“). Anhand von Einzelfällen (z.B. dem Sozialhilfemissbrauch) wird ein ganzes System (z.B. der Sozialstaat) infrage gestellt (der Basler Philosoph Stefan Brotbeck nennt diesen 3. Demagogen-Trick „Missbrauch des Missbrauchs zur Diskreditierung des Gebrauchs“). Fragen der Verteilungsgerechtigkeit bleiben dabei auf der Strecke (der entsprechende 4. Demagogen-Trick lautet: „Hetze Schwache gegen Schwache auf“). Diese Aufzählung ist nicht vollständig. Weitere Demagogen-Tricks wie die unablässige Repetition vorgeblicher Tatsachen, bis diesen Glaube geschenkt wird, kommen hinzu (vgl. dazu insbesondere Victor Klemperers Buch „LTI“).

Neben der Basler Zeitung, der SVP und anderen Populisten sind es massgeblich klerikale Kreise, die gegen Muslime hetzen. Ressentimentgeladene Äusserungen von Klerikern oder Kirchenamtsträgern geniessen dadurch, dass Letztere in Amt und Würden stehen, ein höheres Gewicht in breiten Bevölkerungskreisen („wenn selbst der Pfarrer das sagt, kann ja nicht so viel Falsches daran sein“). Ich habe deshalb und aus dem Wunsch heraus, die Katholische Kirche möge sich deutlich vernehmbar gegen islamophobe und andere menschenverachtende Tendenzen (nicht nur aber auch) in ihren eigenen Reihen stellen, einen offenen Brief an Bischof Felix Gmür verfasst, der morgen zur Post geht (siehe Beilage).

Ich bitte auch Sie, mit mehr Mut die Tatsache zu thematisieren, dass Hetze und Aufwiegelung nichts mit Meinungsäusserungsfreiheit zu tun haben, sondern im Gegenteil den gegenseitigen Respekt untergraben, der Voraussetzung für die freie Meinungsäusserung ist. Als ein Blatt, das den Prinzipien des freiheitlichen Rechtsstaats verpflichtet ist, dürfen Sie sich durchaus auch fragen, ob Sie weiterhin gewillt sind, Leserbriefe abzudrucken, die einzig darauf abzielen, den gegenseitigen Respekt in unserer Gesellschaft zu untergraben – immer öfters übrigens mit dem widersinnigen Argument, dass die Verfolgung religiöser Minderheiten oder andere Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in nicht-freiheitlichen Staaten ja ebenfalls stattfänden (d.h. den Umstand ignorierend, dass den freiheitlichen Rechtsstaat oder die freiheitlich verfasste EU, welche einer Transnationalisierung der Demokratie verpflichtet ist, ja gerade die Inklusion von Minderheiten und das Bekenntnis zur Vielfalt auszeichnen).

Die komplexere Frage, inwiefern Menschen in Schwach- und Fremdgesetzten ihre eigene Hinfälligkeit und existentielle Schwäche beziehungsweise Bedrohung hassen und bekämpfen, und weshalb die Bereitschaft zu einer so verstandenen Selbstflucht in unsicheren Zeiten zunimmt, soll an dieser Stelle abschliessend nur noch aufgeworfen sein. Hier kommen in der heutigen Zeit sträflich vernachlässigte existentialanalytische oder religionsphilosophische Dimensionen der Ausgrenzungsproblematik ins Spiel (in dieselbe Richtung zielen Annäherungsversuche der sogenannten „hermeneutischen Psycho[patho]logie“), die sich von soziologischen oder biologistischen Annäherungsversuchen an Phänomene wie die Fremdenfeindlichkeit und deren möglichen Überwindung (Verwindung) kategorial unterscheiden. Es wäre lohnend, sich mit entsprechenden Erklärungsansätzen wieder eingehender zu beschäftigen (Philosophie und philosophisch unterfütterte Erklärungsansätze sind keineswegs nur etwas Schöngeistiges). Denn von unserem Menschenbild hängt ab, wie (ob) wir die Welt gestalten, und unser Menschenbild hängt davon ab, welche Theorien vom Menschen oder welche Methoden der Theorienbildung wir noch als „wissenschaftlich“ bezeichnen (und damit legitimieren).

Für Fragen, auch zu Experten verschiedener Disziplinen zum Thema Ausgrenzung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Ich halte es wie erwähnt für dringend nötig, diesbezügliche Fragen in der öffentlichen Diskussion vertiefter und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten.

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