Jihad

Samstag, 6. September, 2014 0 No tags Permalink 1

Eugen Sorg kritisiert am „westlichen Therapeutismus“, dass dieser hinter jeder bösen Tat eine Verletzung oder eine traumatische Kränkung sieht und den Täter damit zum Opfer macht (BaZ vom 04.09.2014). Seine Analyse greift zu kurz.

Ich teile Sorgs Kritik insofern, als das Trauma nicht auf gesellschaftliche Diskriminierung, mangelnde Anerkennung oder Erlebnisse im Kindesalter reduziert werden darf, denn damit würde es aus einem grösseren Zusammenhang gerissen: demjenigen des bewussten Erlebens und Erinnerns als Ganzes. Das Gerede vom Urinstinkt macht den Täter ebenfalls zum Opfer, nämlich zu demjenigen der Natur. Damit kann man sich – ebenso wie mit Verweis auf das sogenannte Unbewusste, das als Prozess so unbewusst nicht ist – ebenfalls aus der Verantwortung stehlen.

Sorg trifft ins Schwarze, wenn er dem Gotteskrieger ein Gefühl der Unsterblichkeit attestiert: „Vor jeder Tat […] preist er […] Gott […]. In Wirklichkeit preist er sich selber. Er hat die menschliche Ursünde begangen und sich an die Stelle Gottes gesetzt“. Was den Menschen dazu treibt, „nur tierischer als jedes Tier zu sein“ (Goethe), ist also weder ein „uraltes evolutionäres Erbe“ (Sorg), noch lässt sich die Ursache einfach in den gesellschaftlichen Verhältnissen oder in Kindheitstraumata finden, wie Sorg zu Recht bemerkt. Eine dritte Ursache kommt hinzu – will man in ihr nicht sogar die anthropologische Grundkonstante erblicken: Das mehr oder weniger verdrängte Bewusstsein, unter dem Strich keine Kontrolle über sein Schicksal zu haben („in Gottes Hände zu sein“), das nur dem Menschen eignet – sowie ein diesbezügliches Erschrecken („mysterium tremendum“).

Hinter dem Gefühl absoluter Freiheit, an dem sich der Gotteskrieger berauscht, wenn er in die panischen Augen des Gefangenen blickt, verbirgt sich demnach entgegen Sorg durchaus eine Kränkung, nämlich die Urkränkung, ein sterbliches Wesen zu sein. Erst die Berücksichtigung dieser Ursache erschliesst dem Denken (und nur diesem) den „Sinn“ hinter der Lust, sich bis zum Äussersten über andere zu erheben, und es käme darauf an zu merken, wo diese Lust am phantasierten Sieg über den Tod anfängt: Beim alltäglichen Ressentiment. Das Schlechtdenken und -reden von Allemmöglichen ist der „kleine Sieg über den Tod“, das Mittel des „kleinen Mannes“, sich selbst zu überhöhen und aus der Verantwortung zu stehlen.

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