Der NZZ-Feuilleton-Krieg gegen die „egali­täre Gesell­schaft“. Wie funk­tio­niert die ideo­lo­gi­sche Flucht vor der Reali­tät?

Montag, 27. Februar, 2017 0 No tags Permalink 0

Ursprünglich erschienen am 26. Februar 2017 auf der Plattform „Geschichte der Gegenwart“.

In einem NZZ-Essay argumentiert der umtriebige Feuilleton-Chef René Scheu, dass Menschen ihre Verletzlichkeit und Begrenztheit verdrängen und sich genau damit um ihre Freiheit bringen. Dabei offenbart Scheu allerdings gerade jene Ideologie, auf der diese Flucht vor Verletzlichkeit in Wahrheit basiert.

In einem wie immer gelehr­ten Essay vom 14. Februar 2017 mit dem Titel „Wo bleibt die Begeis­te­rung für die Frei­heit?“ benennt René Scheu, sich dabei auf den Philo­so­phen und Psycho­ana­ly­ti­ker Carlo Stren­ger bezie­hend, zeit­ty­pi­sche, aber auch zeit­lose Formen der Abwehr von Verletz­lich­keit und mensch­li­cher Begrenzt­heit: Die Verdrän­gung der Fragi­li­tät der Zivi­li­sa­tion, den Wahn der Rund­um­ab­si­che­rung in allen Lebens­la­gen, das Ideal des reibungs­lo­sen Daseins, die Flucht in den Konsum, den Rück­zug ins Private, die Selbst­über­hö­hung und den mit ihr verbun­de­nen „Dauer­ver­gleich“ aufge­bla­se­ner Egos.

Basie­rend auf diesem Befund führt Scheu – Stren­ger aller­dings mehr als nur frei inter­pre­tie­rend – zwei poli­ti­sche Kampf­be­griffe ein: Schuld an der Aver­sion gegen Verletz­lich­keit und Frei­heit sollen nämlich die „egali­täre Gesell­schaft“ und die „Politi­cal Correct­ness“ sein. Indem Scheu den Ange­hö­ri­gen heuti­ger west­li­cher Gesell­schaf­ten Sehn­sucht nach Gleich­heit, Anspruchs­hal­tung und ein beque­mes Wunsch­den­ken unter­stellt, denun­ziert er – gestützt auf die Flos­kel „Psycho­lo­gie des verwöhn­ten Kindes“ – das Stre­ben nach Eman­zi­pa­tion, Frei­heit und Gleich­heit, wie sie moderne Gesell­schaf­ten auszeich­nen, bloss noch als ein Rezept fürs Unglück­lich­s­ein:

Was das verwöhnte Indi­vi­duum quält, sind über­höhte Leis­tungs­er­war­tun­gen an sich selbst, die es aus dem Dauer­ver­gleich mit ande­ren gewinnt. In der gefühl­ten egali­tä­ren Gesell­schaft der Gegen­wart vergleicht sich jeder mit jedem, auch wenn er am Ende mit dem Ergeb­nis des Vergleichs nicht leben kann. Die meis­ten sehen sich als poten­zi­elle Über­flie­ger – und leiden zwangs­läu­fig am eige­nen Unge­nü­gen, weil auch unter Glei­chen nicht alle zu den Besten zählen können. Was bleibt, sind oftmals bloss Abstiegs- und Versa­gens­ängste. – René Scheu

Aver­sion gegen das Recht

Solche Zeit­dia­gno­sen unter­schla­gen, dass es bei den Ansprü­chen auf mehr Gleich­be­rech­ti­gung und gegen Diskri­mi­nie­rung aller Art, gegen die Scheu mit seinen wohl­fei­len Kampf­be­grif­fen abzielt, um zutiefst libe­rale Werte geht: um Grund­frei­hei­ten, Rechts­staat und Demo­kra­tie, aber eben auch um ihre insti­tu­tio­nel­len, kultu­rel­len und mate­ri­el­len Voraus­set­zun­gen.

Zwar weiss auch Scheu, und es ist schlicht unbe­streit­bar: „Nur wo das Gefüge von Grund­frei­hei­ten, Rechts­staat und Demo­kra­tie gege­ben ist, können sich Indi­vi­duen entfal­ten und nach ihrer Fasson glück­lich werden.“ Scheu unter­schlägt aller­dings nicht zufäl­lig, dass zu diesem forma­len Rahmen des Rechts­staa­tes auch der Sozi­al­staat gehört, auf den der Kampf­be­griff „egali­täre Gesell­schaft“ ja in Wahr­heit zielt.  Scheu – und mit ihm viele neurechte Intel­lek­tu­elle – unter­schla­gen, dass die Frei­heit, von der sie spre­chen, mate­ri­elle Voraus­set­zun­gen hat, die sie gerne und bewusst unaus­ge­spro­chen einzig dem priva­ten Vermö­gen und Können über­ant­wor­ten. Das Code-Wort dafür ist „nach seiner Fasson“ glück­lich werden.

Nan Goldin: Self-portrait in Kimono with Brian, 1983; Quelle: lempertz.com

Die ideo­lo­gi­sche Umkeh­rung ist daher unter der Hand flux voll­zo­gen: Nicht die möglichst von staat­li­chen Schran­ken befreite neoli­be­rale Wett­be­werbs­wirt­schaft erzeuge Verlie­rer und Unglück, sondern die angeb­lich durch den Sozi­al­staat erzeugte „Gleich­ma­che­rei“. Scheu krei­det den Umstand, dass der Wett­be­werb Verlie­rer erzeugt, kurzer­hand dem „betreu­en­den“ Sozi­al­staat an, dessen Funk­tion es in Wahr­heit ist, jene Verlie­rer aufzu­fan­gen, die die Ausschluss-Gesellschaft erzeugt.

Die im neurech­ten Feuil­le­ton immer wieder herum­ge­reichte These, dass es die pater­na­lis­ti­sche Betreu­ung durch den Sozi­al­staat sei, die die Indi­vi­duen dauernd mitein­an­der konkur­rie­ren lässt, und nicht der Götze Konkur­renz und Wett­be­werb als allein­se­lig­ma­chen­des Steue­rungs­prin­zip, lenkt nur davon ab, die Härte dieses Wett­be­werbs mit kriti­schen Augen zu sehen. Ist es denn nicht gerade der Wett­be­werbs­druck, der die Menschen in einer sinn­ent­leer­ten Dauer­op­ti­mie­rung hält, sie entso­li­da­ri­siert und – wenn es denn zutref­fen sollte – genau damit entpo­li­ti­siert, d.h. von der Beschäf­ti­gung mit und dem Enga­ge­ment für das Poli­ti­sche fern­hält?

Aver­sion gegen Kultur

Auf die kultu­rel­len Voraus­set­zun­gen von Grund­frei­hei­ten, Rechts­staat und Demo­kra­tie will Scheu eben­falls nicht verzich­ten. Scheu betont im Gegen­teil und im Anschluss an den Juris­ten Ernst-Wolfgang Böcken­förde, dass das Recht nicht ohne (Rechts-)Kultur auskommt: „Die frei­heit­li­che Ordnung lebt von kultu­rel­len und menta­len Voraus­set­zun­gen, die sie selbst nicht garan­tie­ren kann.“ Warum dann aber die Pole­mik gegen die „Politi­cal Correct­ness“? Geht es dieser nicht genau um diese frei­heit­li­che Kultur, die nicht ausgrenzt und nicht diskri­mi­niert? Um eine Kultur also, die Voraus­set­zung des freiheitlich-demokratischen Rechts­staa­tes ist?

Nan Goldin: One Month After Being Batte­red, 1984; Quelle: hellofirechild.com

Poli­ti­sche Korrekt­heit wendet sich gegen jede Ideo­lo­gie der Ungleich­wer­tig­keit, gegen die Abwer­tung von Menschen bestimm­ter Grup­pen, weil in dieser Diskre­di­tie­rung von Menschen der Ausschluss aus dem Diskurs und der Raub der Stimme liegt. Ausge­spro­chene oder unaus­ge­spro­chene Kern­bot­schaf­ten der Reak­tio­nä­ren machen dies deut­lich: „Auslän­der haben hier nichts zu sagen“, „Muslime haben sich anzu­pas­sen“, „Frauen gehö­ren ins Haus und nicht in die Poli­tik“, „Arme sollen nicht über die Verwen­dung von Steu­ern mitbe­stim­men, die sie nicht zahlen“ usw. Die Reduk­tion von poli­ti­scher Korrekt­heit auf Sprech­ver­bote negiert und verkehrt ihren ursprüng­li­chen Sinn. Authen­ti­sche poli­ti­sche Korrekt­heit will im Gegen­teil, dass jedes Mitglied der Gesell­schaft seine Stimme frei erhe­ben und mitbe­stim­men kann.

Abge­lenkt werden soll wohl davon, dass der Kampf um libe­rale Werte längst in andere Hände über­ge­gan­gen ist. Denn denje­ni­gen, auf die Scheu mit seinen Kampf­be­grif­fen abzielt, geht es tatsäch­lich um urli­be­rale Werte wie Gleich­be­rech­ti­gung unab­hän­gig von Geburt, Geschlecht, Haut­farbe, Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, sexu­el­ler Präfe­renz oder finan­zi­el­ler Potenz.  Scheu beklagt zwar bezug­neh­mend auf Carlo Stren­ger zu Recht die Abwe­sen­heit eines Bewusst­seins mensch­li­cher Begrenzt­heit: „Der verwöhnte Mensch über­schätzt sich laufend selbst, weil er seine eige­nen Gren­zen nicht erfah­ren hat. Für ihn sind Leben und Glück nicht in erster Linie Aufgabe, sondern Anspruch.“

Doch welches ist die Ideo­lo­gie, die behaup­tet, man könne alles aus sich machen, wenn man nur will? Der von Scheu in sehr eigen­sin­ni­ger Weise bemühte Stren­ger spricht vom „Just-do-it-Prinzip“, einem Prin­zip, welches Gren­zen negiert und zu hybri­der Selbst­über­schät­zung anhält. Doch was begüns­tigt diesen Machbarkeits-, Männlichkeits- und Poten­z­wahn? Ist es der „verwöh­nende“ Sozi­al­staat – oder ist es die gesell­schaft­li­che Forde­rung, aus sich einen „Gewin­ner“ zu machen und sich in allen Lebens­be­rei­chen über andere zu erhe­ben? Und was würden Betrof­fene dazu sagen, dass der Sozi­al­staat die Menschen „verwöhnt“?

Aver­sion gegen unver­füg­bare Gren­zen

Zurück zu den Gren­zen. An Gren­zen wächst man: Nulla crux, nulla corona – per aspera ad astra – keine Ostern ohne Karfrei­tag… Was macht Scheu aus dieser alten Weis­heit? Er setzt kurzer­hand ontologisch-transzendente Gren­zen wie Leiden und Tod (das heisst: Unver­füg­bar­keit) mit sozia­len Gren­zen wie Ausbeu­tung und Diskri­mi­nie­rung gleich. Erstere muss man anneh­men, gegen Letz­tere hinge­gen muss man sich aufleh­nen, wenn man frei werden will.

Nan Goldin: Jimmy Paulette and Taboo! in the bathroom, 1991; Quelle: fadedandblurred.com

Der Reak­tio­när verfährt genau umge­kehrt. Das Ressen­ti­ment rich­tet sich gegen unver­füg­bare Gren­zen, es ist „Wider­wille gegen die Zeit“ (Nietz­sche) und rich­tet sich gegen die Eman­zi­pa­tion, da die Eman­zi­pa­tion dem Ressen­ti­ment Sünden­bö­cke wegzu­neh­men droht, auf die sich bedroh­li­che Unver­füg­bar­keit proji­zie­ren lässt. Diese entschei­dende Diffe­renz unter­schla­gen reak­tio­näre Vorden­ker wie Scheu oder Sloter­dijk, die uns die Schwa­chen, Entrech­te­ten, Gerings­ten und ihre Fürspre­cher als sozi­al­po­li­ti­schen Abgrund präsen­tie­ren. Die Perfi­die ihres Vorge­hens liegt darin, dass sie eine Wahr­heit anspre­chen, um sie für deren Patho­lo­gie frucht­bar zu machen: Sie brechen mutig das gesell­schaft­li­che Tabu Schei­tern, Leiden und Tod, unter­schie­ben es dann aber feige den Schwa­chen und eman­zi­pa­ti­ven Kräf­ten: „Verzär­telte“ Schwa­che und „Linke“ würden ein Schwach­s­ein leug­nen, das zum Leben gehört, und damit vor Frei­heit flie­hen.

Das Leiden an unver­rück­ba­ren Gren­zen ist eine gesell­schaft­lich verdrängte, anthro­po­lo­gi­sche Grund­kon­stante, deren Wirkung auf Alltag und Poli­tik gar nicht hoch genug einge­schätzt werden kann. Eben­falls zum Menschen gehört die Neigung, unver­füg­bare Gren­zen auf „Objekte“ zu proji­zie­ren und die eigene Begrenzt­heit dann in ihnen zu hassen. Diese Neigung machen sich alle reak­tio­nä­ren Kräfte zunutze – egal, in welche ideo­lo­gi­schen Mäntel­chen sie sich hüllen.  Durch diese Verschie­bung von Unver­füg­bar­keit auf Sünden­bö­cke erhält man eine Illu­sion der Kontrolle über ontologisch-transzendente „Fakten“, d.h. über die facts of life, das ens realis­si­mum, das „aller­wirk­lichste Wirk­li­che“: die harten Gren­zen der Exis­tenz. Hier ist auch der tiefere Grund zu suchen für die reak­tio­näre Aver­sion gegen Fakten über­haupt. Die reak­tio­näre Versu­chung besteht darin, vor seinen Gren­zen in mehr oder weni­ger geschlos­sene Welt­an­schau­un­gen (Ideo­lo­gien) zu flie­hen, welche die Abspal­tung der in den Affek­ten Angst und Scham erfah­re­nen mensch­li­chen Begrenzt­heit ratio­na­li­sie­ren und legi­ti­mie­ren helfen.

Eine Frage der intel­lek­tu­el­len Redlich­keit

Die Wett­be­werbs­ideo­lo­gie aber begüns­tigt die in der condi­tio humana ange­legte Abwehr abso­lu­ter Begrenzt­heit und Verdrän­gung eige­ner Schwä­che, welche Fremde als bedroh­lich konstru­iert und Schwa­che verach­tet. Sie schafft einer­seits neue, soziale Gren­zen, indem sie Indi­vi­duen oder Gebiets­kör­per­schaf­ten gegen­ein­an­der ausspielt – etwa im Steu­er­wett­be­werb, der poli­ti­sche Hand­lungs­frei­heit kostet. Ander­seits leug­net sie mensch­li­che Gren­zen und muss sie gemäss ihrer Logik auch leug­nen. Ihr in sich wider­sprüch­li­ches Credo lautet: Jeder kann es an die Spitze schaf­fen – wenn er nur will. Ihr Impe­ra­tiv lautet: „Leugne (Deine) Gren­zen“, „nimm Dich nicht als das endli­che und begrenzte Wesen an, welches Du wirk­lich bist“ und damit „werde nicht, der Du bist“.

Nan Goldin: Amanda in the mirror, 1992, Quelle: hellofirechild.com

Frei­heit aber grün­det auf Selbst­ak­zep­tanz, wie der von Scheu bemühte Carlo Stren­ger doch im Anschluss an Jaspers nicht müde wird zu beto­nen. Fassade und Anse­hen aber kosten die Frei­heit, weil man sich im uner­bitt­li­chen Wett­be­werbs­druck keine Fehler erlau­ben, keine Schwä­che zeigen und keine Blösse geben darf. Scheu löst nicht ein, was er bezug­neh­mend auf Stren­ger für sich rekla­miert, nämlich „ein ehrli­ches Verhält­nis zur Tragik mensch­li­cher Exis­tenz“. Scheu betreibt hier genau das, was Adorno Heideg­ger vorwarf: Er über­höht die Tragik substan­zon­to­lo­gi­sch – und entzieht sich ihr gerade auf diese Weise. Scheu konstru­iert den Abgrund bei denje­ni­gen, die für glei­che Lebens­chan­cen aller Menschen kämp­fen und in diesem Sinne „egali­tär“ und „korrekt“ sind. Aver­sion gegen Leiden und Tod, oder mit Freud gespro­chen: die Revolte gegen die „Reali­tät“, rich­tet sich immer auch gegen intel­lek­tu­elle Redlich­keit, da kriti­sches und herme­neu­ti­sches Denken der eige­nen Vulnera­bi­li­täts­ab­wehr gefähr­lich wird. Dieses Opfer der Vernunft (sacrfi­cium intel­lec­tus) aber bezeich­net der Funda­men­tal­theo­loge René Buch­holz nicht ohne Grund als das „erste grosse, gegen die eigene Person gerich­tete Atten­tat“ im ideo­lo­gi­schen Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zess eines Menschen.

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