Das ‚Gesetz der Mutter‘

Sonntag, 29. Oktober, 2017 1 No tags Permalink 0

Sinngrund des Rechts ist die Freiheit verstanden als unverstelltes Begegnen oder Öffnung (ontologische Freiheit). Diese Öffnung wird harmloser vorgestellt, als sie ist. Sie ist das Schwierigste.

Dieses ‘Totale’, welches die ontologische Freiheit ist, ist transethischer, transpragmatischer, transfunktionaler (‘zu nichts da’ oder ‘für nichts nützlich’), ‘seinsmässiger’ Art und in der menschlichen ‘Natur’ vorfindlich. Deshalb kann und muss von Rechtsanthropologie (Rechts-Menschenkunde) gesprochen werden, in einem weiten Sinn auch von ‘Naturrecht’, wenn Recht dem Rechtssinn und Rechtsnatur (Radbruch) nach gemeint ist.

Als Gebot gebietet das ‘höchste Gesetz’ (summa lex) ein Hinsehen zum Nächsten, also Begegnung, die nicht zu harmlos gedacht werden darf. Dem Mass der Begegnung entspricht der Verlust von Kontrolle und Selbstkontrolle: Begegnung bedeutet ‘Ich-Fragmentierung’.

Das summa lex ist in der menschlichen Psyche angelegt und erschliesst sich einer existenzial (hermeneutisch) verfahrenden Psychoanalyse. Als Verbot verbietet die summa lex, das «Ansich» in Objekten zu suchen (statt es in der Begegnung zu finden).

Repräsentant der summa lex als Verbot, als Nein, ist gemäss Lacan der Vater, der seinerseits nur Verweisung, Funktion, Agent der menschlichen Gesellschaft ist, also «kein autonomer Gesetzgeber, sondern selbst diesem allgemeinen Gesetz der – wie Lacan sagt – ‘symbolischen Kastration’ unterworfen», wie der Psychiater und Psychoanalytiker Hermann Lang zum «symbolischen Dritten» schreibt, der im Über-Ich repräsentiert ist.[1] Appräsentiert wird dieses ‘Verbot des Vaters’ folglich auch in der Mutter.

Dieses Verbot ist das «Inzestverbot», das nicht (nur) funktionalistisch verstanden werden darf, sondern vor allem eine menschliche Tatsache beschreibt: Dass es kein absolutes Objekt gibt, und dass es sich verbietet, das Absolute in Objekten zu suchen. «Inzestverbot» heisst dieses Gesetz, weil die leibliche Mutter erste Repräsentanz dieses inexistenten «Totalobjekts» (Lang) ist.

Das Absolute in Objekten zu suchen ist deshalb nicht nur ‘gesetzwidrig’, sondern zuvor schon illusionär. Es gibt dieses Objekt nicht, es ist eine Wahnvorstellung. Es gibt aber diese Wahnvorstellung: Als Wahnvorstellung treten absolute Objekte (Transzendenzsurrogate) in Gestalt von ‘Volk’, ‘Rasse’, ‘Nation’, ‘Gott’ oder auch ‘Fortschritt’ usw. auf.

Gemäss dem Staatsrechtler Jörg Paul Müller spielen tiefliegende psychische Prozesse im Zusammenhang mit Ödipuskomplex, Inzestverbot und Über-Ich-Bildung eine unterschätzte Rolle in den Systemen Recht und Staat.[2]

Die summa lex des Inzestverbots stellt sich gegen eine Selbsttäuschung. Diese besteht in der Illusion, man könne ein Absolutes in Seiendem (Objekten und Vorstellungen) finden und dadurch der ‘Ich-Fragmentierung’ entgehen. Doch dieses Absolute, welches die Freiheit ist, wird erst in der Begegnung durch die Ich-Fragmentierung freigelegt (Transzendenz des Daseins).[3]

Dem Sich-Öffnen entspricht der Kontroll- und Identitätsverlust des sprachlich verfassten, gegenständlich denkenden Ich. Begegnung erfordert, dieses Kontroll-Ich ‘loszulassen’. Die Selbsttäuschung liegt im Wahn, durch Introjektion des begehrten Objekts das Absolute zu erlangen – ohne den Preis der Ich-Fragmentierung zu bezahlen.

Nun wird richtigerweise eingewendet, Beziehung brauche Grenzen. Hier ist eine Differenz entscheidend: Eine ‘gesunde’, «konsistente Abgrenzung zwischen Ich und Nicht-Ich» (Lang) wird gerade nicht mit Rücksicht auf das eigene Ich gewahrt, sondern durch die Nicht-Instrumentalisierung des Anderen – es sind also die Grenzen des Anderen zu achten. In der Begegnung erscheint der Andere als entzogen, ‘unantastbar’, ‘heilig’. Voraussetzung der Beziehung ist also die Begrenzung des instrumentellen Zugriffs, die Zurücknahme des sich den ‘Objekten’ bemächtigenden Ich – und radikale Zurücknahme des Ich ist die Ich-Fragmentierung. Ich-Fragmentierung oder ‘Beziehungsfähigkeit’ muss dabei gradualistisch verstanden werden: Bei vielen Menschen liegt eine sogenannte ‘gesunde Mischung’ von Beobachter- und Teilnehmerperspektive vor. Die Teilnehmerperspektive ist aber das Verdrängte, wenn die Beobachterperspektive Oberhand hat, die eine Kontroll-Perspektive ist.

Beziehung und Begegnung erfordern also gerade ein Niederreissen der Grenzen zwischen Subjekt und Objekt. Dieses Niederreissen der Ich-Grenzen ist sogar Voraussetzung, dass die Grenzen des Anderen respektiert werden (respektive dafür, dass Respekt nicht nur vorgespielt wird). Denn nur aus der Teilnehmerperspektive wird der Andere nicht als absolutes Objekt vereinnahmt und damit instrumentalisiert (hinsichtlich meines Blickens), und nur aus der Teilnehmerperspektive erscheint der Andere als entzogen, ‘unantastbar’ (hinsichtlich seines Erscheinens). Respekt von Grenzen erfordert also das Niederreissen von Grenzen – aber auf meiner Seite (‘sich verletzlich zeigen’).

Beziehung, die den Anderen eigenständig lässt und respektiert, bedeutet also gerade Ich-Fragmentierung, Krisis – wenigstens in der Tendenz. Dies macht Begegnung, Nähe, Beziehung so bedrohlich. Lang zeigt dies anhand der sexuellen Beziehung, die ja zwangsläufig eine grosse Nähe schafft: «Diese in der Sexualität erfahrene Nähe, sozusagen das Herunterreissen der sonst trennenden zwischenmenschlichen Wände, kann enorme Glücksgefühle vermitteln, kann aber auch enorme Ängste wecken». Gegenstand der Angst ist die Beziehung selbst, die gleichbedeutend ist mit dem Verlust von Kontrolle und Selbstkontrolle (Ich-Fragmentierung).[4]

Ein ‘schwaches’ Ich, das sich vor Ich-Fragmentierung und seinem eigenen Untergehen in der Verschmelzung fürchtet, sucht deshalb im Anderen das «Totalobjekt» (Lang), das ein Phantasma ist. Dieses Totalobjekt oder Transzendenzsurrogat wird als ‘Lichtgestalt’ imaginiert: Das Totalobjekt weist nur den fascinosum-Aspekt des transcendens auf – desjenigen also, welches durch Begegnung freigelegt würde, wenn dieses ‘schwache’ Ich begegnen könnte. Gesucht im Totalobjekt werden also nur «enorme Glücksgefühle» (Lang), die Ängste werden kontrolliert. Ängste und Glücksgefühle werden nicht als Kehrseiten derselben Medaille gesehen, welche die Freiheit ist.

Ein solches Ich, das Totalobjekten ‘hinterherjagt’ – also die Freiheit nicht ‘als Ganze’ will – muss den Abgrund-Aspekt der Freiheit auf Fremdgesetztes abspalten. Diese Konstellation – ‘Vergewaltigung’ des begehrten Objekts und Hass auf ‘Fremde’ – ist Ergebnis der Furcht vor ontologischer Freiheit, der Furcht vor Transzendenz und Kontrollverlust, die in der Beziehung erlebt werden.

‘Vergewaltigung’ und ‘Fremdenfeindlichkeit’ in einem weit verstandenen, umfassenden Sinn sind anthropologischer Ursprung des Unrechts im materiellen Sinn, des menschengemachten Leids. Die summa lex (‘Vater’) ist ein Nein zur Illusion, Glück sei in einem «absoluten Objekt» zu finden, was zwangsläufig die Verletzung der Mitmenschen zur Folge hat, die so oder anders instrumentalisiert werden. Aber zunächst und zuerst ist dieses Nein in einem nicht-funktionalistischen, transethischen Sinn ein Nein zur Selbsttäuschung oder Ja zu ‘Wahrheit’, der «Wahrheit des Seins» (Heidegger). Diese Wahrheit ist, dass das Absolute kein Seiendes ist, welches man ergreifen oder sich vorstellen, sondern als Existenzmodus der Freiheit nur selber sein kann.

Kants Forderung, den Menschen nicht zu instrumentalisieren, findet in psychischen Gesetzmässigkeiten eine Entsprechung und einen umfassenderen Sinn.

Das «Gesetz des Vaters» hält zu Freiheit verstanden als Wahnfreiheit an. Es repräsentiert die Freiheit, die der Kontrollverlust ist. Es ist die «symbolische Kastration» (Lacan): «Lasse den Nächsten als ‘unantastbar’ erscheinen», «bemächtige dich nicht des Begegnenden in der Illusion, in ihm das ‘absolute Objekt’ zu finden».

Der Vater darf sich nicht als letzte Instanz setzen. Lang schreibt hinsichtlich eines Vaters, der sich als letzte Instanz setzt (oder so aufgefasst wird): «Wie soll mit einer solch omnipotenten, allgewaltigen Gestalt eine Identifikation, die Internalisierung einer genuinen Vaterrepräsentanz möglich sein? Wir hatten ja gesehen, dass die Errichtung dessen einen Vater der Verweisung, einen selbst symbolisch kastrierten Vater voraussetzt, einen Vater, der gerade keine letzte Instanz ist, sondern selbst dem Gesetz, einer gemeinsamen Ordnung unterworfen ist und gerade nicht als Gesetzgeber selbst, als Despot der Willkür auftritt.»[5]

Aber auch das so verstandene ‘Gesetz des Vaters der Verweisung’ ist nicht die Letzte Instanz, sondern nur letzte Instanz auf der Ebene des Symbolischen (Sprache, Wort, Gesetz). Letzte Instanz ist das Namenlose, welches die Freiheit ist, und woher der ‘Ruf des Gewissens’ kommt (Heidegger, Wittgenstein).

Man könnte diese höchste Instanz als ‘Gesetz der Mutter’ bezeichnen, da die Mutter das fascinosum und tremendum des Namenlosen repräsentiert, welches die Freiheit ist, weshalb «eine tiefe Ambivalenz das Verhältnis zur Mutter kennzeichnet», wie Lang schreibt.[6] Dieser Ruf der Freiheit kommt nicht aus dem Bereich des «Symbolischen», sondern aus Lacans Bereich des «Realen». In diesem Sinne beruft sich dasjenige ‘höchste Gesetz’ oder diejenige ‘höchste Autorität’, welches die Bundesverfassung ist, in ihrer invocatio Dei auf ein Transzendentes, Namenloses.

Es wird noch zu zeigen sein, weshalb es beides, also das ‘Gesetz des Vaters’ und das ‘Gesetz der Mutter’ braucht: Es braucht eine Dichotomie des ‘Naturrechts’, eine Dichotomie von Namenlosem und Sprache, von Freiheit und Diskurs, von Universalismus und sprachlich-kultureller Implementierung universaler Rechte.

Allerdings erscheint fraglich, ob das Inzestverbot vom ‘Vater’ (Autorität, Agentur der Gesellschaft, Über-Ich, Sprache) ‘ausgesprochen’ wird. Es wird wohl eher ausschliesslich die Freiheit sein, die in Erinnerung ruft, dass es kein absolutes Objekt gibt. Denn in ihrer Verblendungsfunktion ‘liefert’ die Gesellschaft und deren Agent, die Vaterfigur, ja gerade die absoluten Objekte und Transzendenzsurrogate! Dass sie sie gleichzeitig liefern und verbieten, erscheint nicht schlüssig.[7]

Vaterfigur und Gesellschaft sind gerade nicht diejenigen Instanzen, die Kastration transportieren, sondern hybride Omnipotenz. Bei dieser Reflexion muss allerdings scharf zwischen Inzestverbot im engeren, wörtlichen Sinn (auch: Frau als Besitz!) und ‘Inzestverbot’ bezüglich des absoluten Objekts (man denke an absolute Verschmelzungsobjekte wie ‘Volk’, ‘Nation’, ‘Rasse’) unterschieden werden.

[1] Lang 2013, S. 62.

[2] Müller 1993, S. 117 ff., der mit Verweis auf einen weiten Libido-Begriff Freuds (S. 116, Fn. 41) im Horizont der klassischen Psychoanalyse verbleibt.

[3] «Transzendenz des Daseins und Freiheit sind identisch!» (Heidegger)

[4] Diese Ängste sind, «dass man dem Anderen ausgeliefert ist, im Verschmelzungserlebnis die Selbstkontrolle verliert» (Lang 2013, S. 69).

[5] Lang 2013, S. 75.

[6] Lang 2013, S. 70.

[7] Zur Internalisierung von übrigen Normen vgl. Müller 1993, S. 177 ff. Müller kritisiert eine «Unfähigkeit materialistisch-soziologischer Theorie, zum Einzelmenschen hinter den gesellschaftlichen Vorgängen und Gesetzmässigkeiten vorzustossen». Der Psychoanalyse attestiert Müller umgekehrt eine «Blindheit gegenüber den gesellschaftlichen Wurzeln der psychischen Befindlichkeit des Menschen» (S. 126), übersieht dabei aber die Funktion des Sozialen im Zusammenhang mit der Abwehr der Freiheit und des Todes, die es an erster Stelle zu kritisieren gälte – sowohl seitens der Sozialtheorie als auch seitens der Psychoanalyse.

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1 Kommentar
  • Simon Egli
    Dezember 7, 2017

    Man sollte halt mit dem Kokain nach dem Studium gelegentlich mal wieder aufhören …

    Wenn du einen siehst, der sich für weise hält, da ist für einen Toren mehr Hoffnung als für ihn.

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