Das gefährliche Analysedefizit der postmetaphysischen Moderne

Samstag, 6. August, 2016 0 No tags Permalink 1

«Wollen sie vielleicht den Wahn?» Mit dieser rhetorischen Frage bringt der Schriftsteller Patrick Tschan das Reaktionäre auf den Punkt, dem es um eine Revolte gegen menschliche Begrenztheit geht. Verneinung der Realität und Aufbau einer eigenen Realität seien ein gängiges Muster bei Menschen, die Verletzungen und Zurückweisungen in Familie und Gesellschaft erfahren haben. Solche Menschen zögen eine Schutzmauer hoch aus Ignoranz, die sie zwischen die real existierende und ihre konstruierte Wirklichkeit stellen. Die Forderung nach einer anderen Arbeitsmarkt-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik ist insofern die falsche Antwort auf reaktionäre Impulse, als sie nicht berücksichtigt, worum es dem Reaktionären geht: Um «Ausgrenzung der Realität» und «Etablierung des Wahns als neue Wirklichkeit» (Tschan). Verneinung der Realität und Konstruktion einer wahnhaften Realität gehorchen dem Wunsch, Objekte für das Bedürfnis nach Rache zu erhalten. Heilslehren religiöser Natur oder totalitärer Weltanschauungen sind von der Realität abgeschottete Räume, die mit ihren Freund-Feind-Schemata die Objekte liefern, die der Abfuhr von Frustration dienen – Frustrationen, die Populisten nicht nur vorfinden, sondern auch gezielt züchten: Populisten reden den Bürgern Verletzungen und Zurückweisungen ein. Populisten bläuen dem Volk ein, dass es darbend am Boden liege, niedergedrückt von einem abgehobenen politischen Establishment, so Tschan. Floskeln wie «Make America great again» fungieren als Code für den Wunsch nach einem Befreiungsschlag und zeugen doch nur von einem Minderwertigkeitskomplex. Gespiesen wird dieser Wunsch von allem, was als unterdrückend und beengend empfunden wird, und die Erfüllungserwartung richtet sich an Führerfiguren, die versprechen, es «denen da oben» endlich einmal zu zeigen. So sympathisch und auch nötig die Forderung nach einer anderen Arbeitsmarkt-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik ist, um dem Rechtspopulismus den Boden zu entziehen, zeugt diese «Lösung» von einer fehlenden Analyse des zugrundeliegenden, anthropologischen Problems. Im Reaktionären zeigt sich eine blinde Revolte gegen menschliche Begrenztheit, die man früher «das Böse» nannte, eine blinde Revolte gegen die Realität, die sich Zuschreibungsobjekte für Begrenzung sucht und diese in wahnhafter Weise konstruiert, um sich an ihnen rächen zu können. Der Wunsch nach Rache überwölbt alle realen Probleme, um deren Lösung es dem Rechtspopulismus folgerichtig auch gar nicht geht. Infolge fehlender Analyse kommt unser postmetaphysisches Zeitalter auch nicht auf die Idee, dass an der demokratischen Kultur anzusetzen sei und nicht nur an den «materiellen Fundamenten» (Butterwegge) des Rechtspopulismus. Eine «kommende» demokratische Kultur bedeutet Pflege einer Analyse, die heute noch kaum geleistet wird: die Pflege der Analyse, was den Rechtspopulismus so attraktiv macht. Eine kommende demokratische Kultur rehabilitiert «das Böse» als einen anthropologischen Tatbestand (und nicht als eine Wertung im Sinne «des Schlechten»!) der Selbst- und Weltflucht, einer Flucht vor «Realität» verstanden als menschliche Begrenztheit, letztlich vor dem Tod, und leugnet diesen psychischen Tatbestand nicht länger. Das Rätseln darüber, weshalb Populisten keine Argumente benötigen, um zu «überzeugen», zeugt von einem gewaltigen und gefährlichen Analysedefizit der «linken», «marxistischen», «soziologischen» Weltanschauung, gemäss welcher die sogenannten «Zukurzgekommenen» lediglich Opfer von Herrschaftsverhältnissen sind, und diese nicht im Gegenteil hervorbringen, um sich in der Opferrolle zu suhlen und sich vor demokratischer Verantwortung zu drücken. In der Stilisierung von Menschen zu Opfern reichen sich vulgärmarxistische Linke und Rechtspopulisten die Hand. Beide appellieren nicht an die Verantwortung des Bürgers, sondern legitimieren (unbeabsichtigt) eine reaktionäre Haltung, die sich für reale oder bloss empfundene Unterdrückung und Begrenzung rächen will – ganz egal an welchen Sündenböcken. Deshalb gelingt der Wechsel von einer geschlossenen Weltanschauung zur anderen, etwa von der AUNS zum IZRS, auch so mühelos.

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