„Basel zeigt Haltung“

Sonntag, 21. September, 2014 0 No tags Permalink 0

Gegen die Kampagne „Basel zeigt Haltung“ des Präsidialdepartements wird in den Kommentarspalten polemisiert, Haltung zu zeigen hiesse, endlich gegen die Islamisten auf dem Claraplatz vorzugehen, da sie zu Diskriminierung und Gewalt aufrufen. Doch es ist noch kein Verbrechen, mit dem Koran für den Islam zu werben, solange nicht explizit zu Diskriminierung und Gewalt aufgerufen wird. Selbst die Aufforderung, den Koran wörtlich zu nehmen, ist noch kein Aufruf zu Diskriminierung und Gewalt. Ein solcher Aufruf bewegt sich noch immer im Bereich eines blossen Glaubensbekenntnisses, das der liberale Staat toleriert, weil heilige Schriften interpretationsbedürftig sind. Dies mag paradox klingen, aber es ist eben auch nur eine Interpretation des Korans, wenn man diesen wörtlich versteht. An Glaubensbekenntnisse wird ein grosszügigerer Massstab angelegt, sonst müsste man wohl auch manche Bibelgruppe verbieten.

Eine andere Frage ist, für wie beschränkt man eine solche wörtliche Interpretation hält. Diese Beschränktheit fällt jedoch auf die Islam- und andere Religionsverächter zurück: Beide Seiten teilen dieselbe Unfähigkeit, nämlich heilige Schriften als interpretationsbedürftig zu verstehen – geschweige denn existential als eine sogenannte „Chiffersprache“ (Karl Jaspers). Religiöse Fundamentalisten und diejenigen, die den Islam oder andere Religionen pauschal verteufeln, „reichen sich über dem Grab eines aufgeklärten Religionsverständnisses die Hand“ (Thomas Rentsch). Wer angesichts ignoranter Fundamentalisten auf dem Claraplatz eine ganze Religion in Misskredit zieht, ist im besten Fall so ignorant wie diese Eiferer selbst. Im schlechteren Fall hetzt er, um daraus politisches Kapital zu schlagen.

Der Missbrauch der Religion durch einige Wirrköpfe ist – falls überhaupt – ein Fall für den Staatsschutz. Dagegen ist der einer Humanistenstadt unwürdige „Missbrauch des Missbrauchs zur Diskreditierung des Gebrauchs“ (Stefan Brotbeck) ein echtes gesellschaftliches Problem: Missbrauch der Sozialhilfe wird missbraucht, um den Sozialstaat zu diskreditieren. Asylmissbrauch wird missbraucht, um die Menschenrechte in ein schlechtes Licht zu rücken. Die von den Gurkenproduzenten selbst gewünschte Gurkenrichtlinie wird unablässig bemüht, um die EU der Lächerlichkeit preiszugeben. Einige Wirrköpfe, die eine Religion für ihre Zwecke missbrauchen, werden missbraucht, um eine ganze Religion zur Gefahr zu stilisieren und mit ihr alle diejenigen, die sich zu ihr bekennen. Und so weiter.

Anhand aus dem Zusammenhang gerissener und skandalisierter Einzelfälle wird ein integratives Ganzes auf demagogische Weise verächtlich gemacht und die Anpassung an veränderte Verhältnisse verunmöglicht – letztlich zum Nachteil von uns allen. „Basel zeigt Haltung“ richtet sich gegen diese gehässige Selbstgerechtigkeit, die man an sich selber leider kaum wahrnimmt, und die den Wandel (und damit das Leben) oft schon im Keim erstickt (siehe Wiedervereinigungsdebatte). Die Kampagne ist ein Aufruf, sich gegen Sündenbockpolitik zu stellen, vereinfachende Schuldzuweisungen und selbstgerechte Pauschalurteile nicht länger unwidersprochen hinzunehmen, den „Elfenbeinturm“ zu verlassen und sich endlich einzumischen. Die Betonung liegt auf „zeigt“!

0

Noch keine Kommentare

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.